Songanalyse: Ed Sheeran – Perfect
Einführung
Es ist mal wieder Zeit für eine Songanalyse. Diesmal ein Song eines
außergewöhnlichen Künstlers, der derzeit weltweit die höchsten
Chartpositionen erreicht: „Perfect“ von Ed Sheeran aus seinem
letztjährigen 3. Soloalbum „Divide“.
Wenn du lernen willst, wie du den Song am besten am Piano spielen kannst, habe ich das passende Tutorial für dich – hier der Trailer dazu:
How to play „Perfect“ by Ed Sheeran kannst du z.B. innerhalb der 14 Tage kostenlosen Testphase unseres Abos einfach anschauen und ausprobieren!
Laut eigener Aussage wollte er damit seinen bisherigen Top-Lovesong
„Thinking out loud“ übertrumpfen. Ob ihm das gelungen ist, bleibt
letztlich wohl immer persönliche Geschmacksache.
„Perfect“ ist in As-Dur geschrieben – einer sehr „warm“ klingenden
Tonart. Jede Tonart hat nämlich eine gewisse Charakteristik und so würde
der Song in C-Dur wohl weitaus weniger interessant klingen!
Dazu gleich ein Praxisbezug für dich: Probiere mal aus, einen
dir bekannten Song in einer anderen Tonart zu spielen, und achte
darauf, wie es sich anfühlt.
Wenn du noch nicht so geübt im
Transponieren bist, kannst du auch mit der Transpose-Taste eines
Digitalpianos „schummeln“. Ich habe jedenfalls immer wieder bei
transponierten Versionen von Songs das Gefühl, dass es irgendwie anders
klingt und nicht mehr unbedingt das Originalgefühl des Songs trifft.
Genau Hinhören
Schnapp´ dir am besten einen guten Kopfhörer, höre dir den Song einmal komplett an (z.B. auf Youtube, Spotify Player oder Spotify Web) und gehe dann mit mir auf Entdeckungsreise, spule fleißig hin und her und achte auf all die spannenden Details.
Aber erst noch mal zurück zum Gesamtüberblick: „Perfect“ steht im
12/8-Takt und besteht aus folgender Songstruktur: Vers 1 – Chorus –
Interlude – Vers 2 – Chorus – Interlude – Chorus – Outro. Das Intro
besteht lediglich aus einem eintaktig ausgehaltenen Ab-Powerchord mit
angezerrtem Hammond B3-Orgelsound und leichtem Schallplattenknistern für
den analogen Vibe. Powerchord bedeutet, dass lediglich Grundton und
Quinte (also as & es) gespielt werden und auf die Terz, die ja über
Dur / Moll eines Akkordes entscheidet, verzichtet wird.
1. Detail: Dieser Orgelsound, der am Anfang und im 1. Vers so gut zu
hören ist, zieht sich durch den ganzen Song. Er fehlt lediglich in den
Breaks, in denen sämtliche Instrumente kurz „atmen“. Außerdem ist er
immer in der gleichen engen Lage und hat je nach Akkordwechsel nur
minimale Tonveränderungen. Die Orgel fungiert also wie eine Art
„Kleber“, die im Hintergrund alle anderen Instrumente im Arrangement
zusammenhält und sich leise und zurückhaltend hindurchzieht. Spätestens
im Chorus ab 1:04 ist sie durch den Einsatz der Streicher zwar schwerer
zu hören, aber nach wie vor vorhanden.
Mach mal das Experiment und höre dir die ganze Nummer nur
unter diesem einen Gesichtspunkt an: Kannst du der Orgel immer folgen?
Das wird dein Gehör für selektives Hören schulen!
Aufbau und Arrangement
Schauen wir uns jetzt mal den Aufbau des restlichen Arrangements an: Die von Ed gespielte E-Gitarre spielt sämtliche 12 Achtel des Taktes aus und trägt damit von Beginn an den Rhythmus. Achte mal auf seine Phrasierung: Er betont immer die Erste von 3 Achteln. Den gesamten Akkordverlauf kannst du auf dem Leadsheet nachverfolgen:
Nach den ersten 8 Takten des Verses kommt im 2. Teil (ab 0:33) der Bass mit überwiegend lang gespielten Noten dazu. Diese wechseln sich häufig auf der 6. bzw. 12. Achtel mit einer oder auch mal mehreren kurzen Noten ab – eine typische 12/8-Begleitfigur. Außerdem wird der Backbeat ab jetzt durch ein dumpf klingendes Drumsample unterstützt. Backbeat bedeutet ja die Betonung auf die Zählzeiten 2 & 4 im 4/4-Takt; im 12/8-Takt wären das die 4. sowie die 10. Achtel. Hörst du übrigens noch das Plattenknistern?
Nach dem 2. Break beginnt der Chorus und es ist immer noch kein Schlagzeug zu hören – ungewöhnlich. Dafür setzen als Steigerung jetzt Streicher und Background-Vocals ein und geben dem Track damit die gewisse Portion Weite. Interessant dabei die abwechselnden Funktionen der beiden Elemente: Im 1. Teil des Choruses erklingen lange gehaltene Liegetöne (die eben beschriebene Weite) sowie „Uh“-Chöre, die sich langsam in Höhe und Intensität steigern. Ab 1:27 „breath, but you heard it…“ singen die Background-Vocals mehrstimmig den Text mit und das Orchester zupft die Akkorde. Achte hier mal genau darauf, wie sie diese spielen: Auf die 1 kommt der gezupfte Basston, auf die 4. Achtel (Backbeat) der ein bisschen höher gespielte Akkord. Das gleiche Prinzip wiederholt sich dann noch 2x, bis Ed auf „perfect tonight“ den Chorus alleine abrundet. Diese kleinen Details sind es, die Songs über die gesamte Spieldauer für den Zuhörer interessant halten – ob bewusst oder unbewusst!
Wenn wir schon bei den Feinheiten und Veränderungen sind: Höre mal auf die verschiedenen Breaks in den Versen. So kommen im 1. Vers noch 2 Breaks vor (8. bzw. 16 Takt) – in Vers 2 nur noch einer im letzten Takt. Außerdem spielt Ed beim 1. Mal (1:01) auf der Gitarre Es Es sus4 Es – beim 2. Mal (2:39) Es sus4 Es Es. Kleine, aber nicht unwichtige Details.
Auch spannend: das Orchester bei 2:11. Da kommt auf einmal ganz kurz ein doch recht dissonant klingender Akkord auf, der sich aber sofort wieder in Wohlgefallen auflöst. Beim 1. Hören habe ich kurz zurückgespult und mich gefragt, ob sich hier irgendwer verspielt hat ;) – so unerwartet kam dieser Akkord. Also auch wieder ein Element zur Spannungssteigerung!
Überhaupt finde ich es sehr interessant nur mal dem
Streicherarrangement zu folgen: Zu Beginn (1:01) wie oben schon erwähnt
lang gehaltene Noten und die danach kurze Pizzicatostelle (pizzicato =
gezupft). Dann das Interlude, bei dem das Orchester die Melodie
übernimmt. Ab Vers 2 kommen schöne Gegenmelodien dazu, die die Vocals
ergänzen, ihnen aber nie im Weg stehen. Diese steigern sich über den
Verlauf des Verses hin und wandern langsam in immer höhere Lagen.
Insgesamt bringen die Streicher die nötige Portion Romantik in den Song,
ohne aber in klischeebehafteten Kitsch abzudriften.
Die Rolle des Pianos in „Perfect“
Für uns als Pianisten müssen wir natürlich endlich mal zur spannenden
Frage kommen, welche Aufgabe denn das Klavier in „Perfect“ übernimmt.
Erstmal gar keine – zumindest für die ersten 2 Minuten. Dann ab 2:12 (2.
Teil von Vers 2) kannst du hoch gespielte Akkorde als kurze Achtel
wahrnehmen. Allerdings musst du genau hinhören, da das Arrangement an
dieser Stelle bereits recht dicht ist und das Piano dadurch nicht so
sehr auffällt. Dann wirst du auch merken, dass der Pianist nicht alle 12
Achtel des Taktes ausspielt, sondern immer wieder mal die 1. bzw. die
7. Achtel auslässt.
Als Keyboarder könntest du also das Stück wunderbar umsetzen, indem deine linke Hand die durchgehend gehaltenen Orgeltöne spielt und die rechte dann die Akkordachtel mit Klaviersound übernimmt. Dazu kannst du dir entweder deine Tastatur splitten, so dass du unten Orgel und oben Klavier hast, oder du nutzt (wie viele Bandkeyboarder) sowieso mehrere Tastaturen, auf denen du bequem die verschiedenen Sounds aufteilst. Das ist übrigens eine Standardaufgabe des Keyboarders: Welche Sounds kommen im Song vor und wie kann ich sie mir aufs Keyboard bzw. meine Hände verteilen? Damit kommt man bisweilen auch auf herausfordernde Unabhängigkeitsübungen, wenn z.B. die linke Hand auf einmal einen speziellen Piano-Groove spielen muss und die rechte Hand für Bläsereinwürfe zuständig ist. Aber an Herausforderungen wächst man ja bekanntlich ;).
Zurück zu „Perfect“: Die Drums kommen schließlich in Vers 2 (ab 1:42) mit einer minimalistischen Begleitung hinzu, die ab dem 2. Teil des Verses (2:12) zu einem vollen Beat erweitert wird und als solche den restlichen Song hindurch läuft.
Und hast du zwischenzeitlich mal wieder auf die E-Gitarre gehört? Die
hatte ja zu Beginn noch das tragende rhythmische Gerüst mit
durchgehenden Achtelakkorden inne, welches sie aber ab 2:12 an das Piano
abgibt. Ab dann lässt sie sich erstmal nur erahnen. Spielt sie Akkorde
auf den Backbeat? Ich kann es nicht genau sagen. Aber ab dem 2. Chorus
(2:43) ist sie auf jeden Fall klar und deutlich auf die
Achtel-Zählzeiten 4 und 10 zu hören.
Wie mit der berühmten Zwiebel könnte man jetzt noch Schicht für
Schicht weiter schälen und immer noch weitere interessante Details
finden. Mir ging es zumindest beim Schreiben dieses Blogs so, dass mir
bei jedem erneuten Hören weitere raffinierte Kleinigkeiten aufgefallen
sind. Ein letztes Beispiel dafür: Der kurze Einsatz einer gezupften
Akustikgitarre im Interlude bei 1:35. Sie taucht kurz als Element auf
und verschwindet ebenso schnell wieder.
Welche spannenden Sachen fallen dir noch auf?
Wenn du jetzt Lust bekommen hast, „Perfect“ selbst zu spielen – hier nochmal mein Tutorial dazu.
Und so bleibt letztlich Ed Sheeran nur zu wünschen, dass er mit der in dem Song Angebeteten tatsächlich sein privates Glück findet, wenn er für sie schon so ein spannend arrangiertes Stück komponiert hat.
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